Über das schreiben

 

Das fieber! Das fieber! Es muss das fieber sein. Fiebriges fieberfieber. Schweißt rinnt aus meiner haut über meine haut, mitternächtlich, tropft auf dieses blatt papier, vermischt sich, vermengt sich mit der blauen noch frischen tinte aus dem füllfederhalter, der genau in diesem moment genau diese worte schreibt. Alles fiebert mit! Ja, es muss das fieber sein! Jedenfalls spür ich jetzt die macht. Die macht dieser worte, die aus mir rausfließen wie der fiebrige schweiß, wie die tinte aus meinem neu erstandenen füllfederhalter! Und alles fließt ineinander, schweiß, tinte, wörter – und dort, wo ich vorhin noch papier sah, entsteht eine pfütze, aus einem tropfen, entsteht ein see, ein meer schließlich aus diesem bläulich weißen säuerlich schmeckenden gemisch, schweißtintewörter sind nun ein meer, also ein gewässer ohne enden, ohne sichtbare enden zumindest, womöglich auch ohne überhaupt existierende enden, randungen, ufer; das, was ich schreibe, wird wahr; wahr ist, was ich schreibe, und so schreibe ich von einem randlosen meer, und so sei es. Es plustert sich eine große welle, eben noch gedanke, nun wirklichkeit geworden auf und droht mich zu verschluckschlingen, doch vor mir, wenige meter vor mir sinkt sie in sich zusammen, traut sich nicht heran, schleichtfließt über meine füßeaufsand, die dabei in den strandboden einsinken, wie diese wörter in papier. Wie meine Füße hoffen dabei die Worte immer wieder auf neue Wellen, neue Gedanken, Geschichten.

 

Und ich wartete nicht und stürzte mich in die fluten; oder waren es die fluten, die mich hineinstürzten? Genau kann ich mich nicht mehr erinnern; nur; es war eine große welle, so hoch wie ich selbst ungefaehr, aber das reichte wohl schon, um mich einzufluten, und später einzuschiffen, und das alles schnell, unbemerkt, zogen die geschichten mit mir über das meer, von insel zu insel, wir kaperten schiffe und tanzten mit delphinen, liefen ueber das wasser und wurden von ihm verschlungen. Unter dem wasser: kino. Ich bekam keine luft kein laut schaffte es aus meinem versuchenden mund der sich zu verschlucken drohte meine sprache schien hier keinen sinn mehr zu machen, keinen sinn mehr, ohne luft und laut: leises ich. Stummes ich unter wasser. Also hoch!

Hoch mit unbändigem überlebenswillen und ich kaperte neue geschichten, in mein meer, aus tinteschweißwörtern. Ich ahnte und argwohnte und arbeitete mich durch die fluten, erklärte piratin der märchen und wie ein zauber ging mir mit jedem wort das auf dem papier erschien eine geschichte in die fänge, eine neue welt von der hand.

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Bohrst deine augen in meine

augenbohrer

wie der schnee mich blind macht

 

streichst heimlich blicklings über das land meiner stirn

stirnstreicher

 

fragen laufen zweifelzickzack zwischen

deinen berichten vom aberglauben im heutigen sibirien

wie dein kumpel aus wut dreimal um die kirche rannte

so läufst du drei mal um mich herum

fragenläufer

 

ich in meiner überaschung

bleibe höchstens stumm was die zwischenzeilen angeht

und meine zwischenblicke bleiben schneeblind

 

ich in meiner erschütterung

stammele irgendwas von kapitalismuskritik und hoffnung

breite landkarten aus mit meinen geschichten

renne erzählend zweifelzickzack von land zu land so

lauf ich an diesem abend mindestens drei mal um die erde herum

fragenflüchtling

 

bleibe stumm schneeblind bleibe dir eigentlich eine antwort schuldig

 

(auf dem rückweg nach hause träumend ungesehen streiche ich

heimlich blicklings über das land deiner stirn

stürze mich mindestens viel zu oft in deine augen)

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Das wort wirkt jetzt und ferner in die zukunft

 

hingegen das ausgeschlossene ungesagte verschwiegene

verlischt

nach kurzem gedankenkopffeuer

 

als wäre es nie möglich gewesen

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Die Möwe

eine möwe verirrt sich zwischen holz-und steinhäusern
in den windungen der gassen istanbuls dieser stadt am meer
klaut sich ihren lebensunterhalt zurecht frech
aus den mülltüten und fischbrötchen der menschen
möwenkreischt was das zeug hält
und hinterlässt stolz ihre spuren
auf einem dicken alten van
wie einst in sankt petersburg
zwischen finnländischem bahnhof und njewa
weiß auf der nase eines steinernstolzen lenin

 

 

(25.1.2012)

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Vorstellen:
eine gegend ohne wahngeteilte zeit,
höchstens jahreszeiten,
sonnenauf- und untergang
aber keine zerstückelten
gezählten zeitpakete wie
stunden sekunden kein
getakteter weg nach mehrmehr sondern
nur die einverständnis in den ewigen kreis
aus neuen tagen und nächten
also immer wieder
sonne auf
sonne ab
sonne auf
sonne ab
sonne auf
sonne ab
uswusf.

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gardine vorgeschoben blick in den garten
die äste der bäume grünlos
und ich stelle mir vor
das benachbarte haus sei eine düne
und dahinter rauschte in ewigem sommer
statt dem verkehr
das meer

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man kann nicht über seine erinnerungen verfügen.

Nicht zur 1.Mai – Demo nach Taksim gegangen, keine Lust auf Halsschmerzen nach lauter Schreien in die taube Leere; dafür 116 Seiten kurdische Geschichte auf einen Biss gefressen: zusammengefaltet in meinem Kopf versucht sie sich breit zu machen die kurdische Geschichte und presst gegen die Schädelwände

ich rette mich in tomatenversoßte auberginen mit viel zu viel knoblauch und salz, joghurtmengen gleichen das aus, allein zu haus, will keine nachrichten oder emails lesen mit zusammengefalteter kurdischer geschichte die sich in meinem kopf versucht auszufalten, ich ziehe wahllos ein lied im erinnerungslotto

musik als zeittransportmittel: „trains“ von porcupine tree trägt mich in irgendein vorher, es zeigt einen jungen triefendnassen Jungen vor einer tür, die ich widerwillig öffne; es springt hervor dieses bild, ich habe es nach ein paar millisekunden eingeordnet, namen und zeit und raum hinzugefügt

es war in deutschland in einer lang von mir verlassenen stadt, 2009 (oder so)
du stehst tropfend
vor meiner tür, früh um acht (oder so)
haben uns scheinbar beide durch diese letzte nacht gekämpft
ich in meinem zimmer du scheinbar im regen unten am fluss wo ich dich am abend zurückgelassen habe (so wie du aussiehst),
sag mal weinst du oder ist es der regen hätte ich denken und sagen können wenn mir denn zum lachen zumute gewesen wäre; doch mir war nicht zum lachen zumute, hab dich erst nach siebenmal klingeln hochgelassen und dir dann wie im film „was willst du hier du“ zugerufen und dann ein beliebiges schimpfwort rangefügt als ob das die wirkung sonderlich verstärken würde

du standst vor mir und batest um verzeihung bevor
ich die tür deinem tropfen entgegen knallte

die istanbuler sonne und die eingefaltete kurdische geschichte und ein lied von porcupine tree (und all das verbinde ich nun wirklich nicht mit dir)
bringen dich wieder vor eine tür die mal meine war in einer kleinen netten stadt die, vergessen, wohl nie in irgendeine geschichte eingehen wird und erst jetzt am ersten mai ein paar jahre später begreife ich dass du damals eigentlich nicht um mich weintest sondern weil du spürtest dass du alles verloren hast

 

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